Erstellt 02.07.09, 14:41h, aktualisiert 02.07.09, 14:44h
Kaum jemand weiß wohl, dass der Künstler Hermann Nitsch auch ein Komponist ist. Wie kommt das?
Nitsch: «Ich arbeite in Richtung Gesamtkunstwerk. Meine Vorbilder sind hier die griechische Tragödie, oder etwa der Beginn der italienischen Oper. Und dann natürlich Richard Wagner. Ich habe mich ja im Zusammenhang mit meinen Aktionen schon immer auch musikalisch geäußert. Musik ist ein ganz wesentlicher Bestandteil meiner Aktionen, und ohne Musik wären sie überhaupt nicht denkbar, denn auch sie haben ja ekstatischen Charakter. Der Ursprung meiner Musik liegt im Schrei, im Erregungszustand, der quasi vor-verbal ist. Das war eigentlich der Beginn meiner musikalischen Intentionen.»
Wie und seit wann komponieren Sie?
Nitsch: «Ich habe mein eigenes Partitursystem entwickelt. Das erste Mal hab ich in London mit einem Orchester gearbeitet. Das war 1966. Aber schon vorher hab ich damals Partituren geschrieben, die ich aber nicht umsetzen konnte, weil ich keine Musiker hatte und noch nicht über einen so riesigen Apparat verfügen konnte, wie heute.»
Dies ist das erste Mal, dass Sie etwas so umsetzen, in einem so großen Rahmen?
Nitsch: «Dass meine Musik separat aufgeführt wird ist nicht das erste Mal. Es hat immer wieder Aufführungen gegeben, aber hier ist es halt eine Sinfonie. Sie ist mehr oder weniger einer Suite vergleichbar, die musikalische Elemente zusammenfasst, die ich im Theater verwende. Die Sinfonie ist für mich immer eine geeignete Ausdrucksform, weil sie meine musikalischen Intentionen dramatisch bindet. Die großen Sinfonien von Beethoven, Bruckner, Mahler stehen ja eigentlich stellvertretend für die Tragödie, für das große Theater. Der erste Satz etwa die gewaltige Exposition, der zweite Satz das Adagio, das Telefonieren mit dem Lieben Gott,...»
Sie arbeiten mit dem von Yehudi Menuhin gegründeten European Philharmonic Orchestra und dem als Bruckner-Experten bekannten Dirigenten Peter Jan Marthé, also im wesentlichen einem analogen Klangkörper zusammen?
Nitsch: «Ja, es werden überwiegend traditionelle Instrumente eingesetzt, dazu noch Synthesizer, sowie Ratschen und Trillerpfeifen. Eigentlich also ein klassisches Instrumentarium. Und dazu noch ein gemischter Chor.»
Sie haben eine eigene Form für die Partituren entwickelt?
Nitsch: «Ich arbeite mit einer Einteilung von jeweils einer Minute auf Millimeterpapier. Dort stehen genau die Anweisungen an die Musiker. Die Musiker spielen überwiegend langgezogene Töne, und die Harmonik ist frei. Sie haben also in dem Sinn eine reine Struktur- Partitur.»
Musiker und Dirigent haben also eine entscheidende Rolle bei der Darbietung?
Nitsch: «Es ist so ähnlich wie bei meinen Bildern. Da nehm' ich auch die Farbe, schütte sie. Meine Kunst ist also, mit dem Zufall umgehen zu können, den Zufall steuern zu können... Und hier ist es auch so. Auch hier wird der Zufall gesteuert. Deswegen wird sich jede Aufführung anders anhören, aber es wird doch immer die gleiche Aufführung bleiben.»
Interview: Christian Fürst, dpa
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02. Juni 2012,
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